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(c) Andrasch Migar, Auszug A28/2, 2019

Die Uhrensteller



Karl Hubendorf und die Verlagerung auf die Folgen (1921)
Ab ca. 1920 kam es dann im Bezug auf Uhrensteller zu einer Verlagerung auf die Folgen. Maßgeblich war hier der deutsche Wissenschaftler Karl Hubendorf (1861-1925) mit seinem 1921 in der Schweiz erschienenen Buch "Die Uhrensteller". Dieser stellte auch als erstes die These auf, dass die Uhrensteller ereignisbestimmend sein könnten, bzw. eine Lenkungsfunktion hätten. Die von ihm erstellte Liste wurde später als die Hubendorfliste bekannt, die seit den 1960ern unter Verschluss ist, von der aber eine nicht autorisierte Abschrift aus den 1940ern existiert, die in den USA noch frei einsehbar ist. Die Hubendorfliste hat ca. 17000 Einträge mit weit verzweigten Untereinträgen und der Kürze halber seien hier nur einige wenige genannt. Schon Hubendorf schrieb zu seiner Zeit, dass eine nahezu vollständige Auflistung aller Uhrensteller mittlerweile als unmöglich gilt. Von besonderer Bedeutung zeigt sich in dieser Liste aber nicht nur die weltweite Ausbreitung der Uhrensteller zwischen ca. 1750 und 1900, sondern auch die erstmalige Erwähnung psychiatrischer Anstalten und der 1880 damit verbundenen Theorie der "hellen Madonnen", wie aber auch die sich in dieser Liste befindende Skizze der 1887 von Nikola Tesla in New York entwickelten Uhrenstellerfalle, die auch als die "Teslafalle" bekannt ist und vor deren Nachbau hier eindringlich gewarnt wird. Hubendorf tat ein umfangreiches Forschungsfeld auf, das sich über alle Bereiche menschlicher Hervorbringungen und Phänomene erstreckte. Aus Hubendorfs Privatleben ist kaum etwas bekannt. Allerdings kam es hier späterhin zu Vermutungen, dass er eine über Jahre andauernde Liaison mit einer äußerst affinen und quicklebendigen Literatin bzw. Dichterin gehabt haben soll, die u.a. neben äußerst phantasievollen Kostümen auch die Angewohnheit gehabt haben soll eine kleine Uhr an einem Uhrenkettchen um das Handgelenk zu tragen, an der es zu besonders vielen Uhrenstellern gekommen sei. Man vermutet, dass es sich dabei um Else Lasker Schüler gehandelt haben könnte, da in der Hubendorfliste auch vereinzelt das Wort "Theben" auftaucht, was aber Zufall sein kann.

Karl Hubendorf (Person)
Karl Hubendorf wurde 1861 in Gneinau in der Nähe von Dresden geboren. Er wuchs in einem protestantischen Pfarrhaus auf. Seinen ersten Uhrensteller sah er, nach eigenen Angaben, an einem Sonntagmorgen, als sein Vater vor der Predigt gerade auf seine Taschenuhr schaute. Hierbei, so Hubendorf, seien ihm unmittelbar und in einem unermesslichen Gefühl zwei Dinge zugleich aufgegangen: Eine unbedingte Lebenslust, die sich im falschen Kontext befand, und die bedauerliche Endlichkeit seines Daseins. Seine Schulzeit schloss er mit dem Abitur ab. Während dieser Schulzeit, so Hubendorf, seien ihm vor allem Begriffe wie Zeitvergeudung, Zeitverschwendung und Zeiteinteilung nahe gebracht worden, während er, Hubendorf, zunehmend während dieser Schulzeit hätte denken müssen, dass es sich für ihn bei diesem Sitzen in der Klasse um eine verlorene Zeit handele und dass diese Begriffe nur einen Sinn im Hinblick auf die Endlichkeit des menschlichen Daseins ergäben und somit immer einen Verweis auf den Tod darstellen, der aber ob seines darauf folgenden Verschwindens in ein Nichts, mit dem der Mensch nichts anfangen könne, im Leben keine besondere Rolle spiele, in Begriffen wie Zeitvergeudung, Zeitverschwendung und Zeiteinteilung und verlorene Zeit aber immerwährend anwesend bliebe. Danach studierte er auf dem Polytechnikum in Leipzig Physik, was zur damaligen Zeit noch unmittelbar mit Elektromagnetismus und Elektrodynamik verbunden war. Späterhin promovierte er in Berlin in Philosophie über ein historisches Thema und absolvierte noch ein weiteres Studium in Chemie, absolvierte seinen Wehrdienst als Einjähriger, und arbeitete danach in verschiedenen Funktion im Kaiserwilhelmistitut in Berlin. In den Jahren 1914-1918 blieben ihm, da er in einer Sonderabteilung des Kaiserwilhelminstituts im Bereich bakterieller Kampfmittel involviert war, die Frontgräul des 1. Weltkriegs weitgehend erspart. Hierbei handelte es sich um Arbeiten, die er aber, seinen eigenen Aussagen nach, nach menschlichem Ermessen sabotierte, wo es nur ging, indem er Petrischalen vertauschte oder die darin befindlichen Kulturen häufig mit Sporen unbrauchbar machte. Dadurch hatte er aber unmittelbaren Zugang zu allen anderen Forschungsabteilungen den Krieg betreffend im Institut, die im weiteren auch die Charite-Bereiche betrafen, die sich mit den Folgen traumatisierter Soldaten beschäftigten, was ihm einen umfangreichen Einblick ermöglichte. Viele derer, die heute als herausragende Forscher und Wissenschaftler gelten, kannte er im persönlichen Umgang, bevor er 1918 das Institut verließ um sich nun ausschließlich seinem, wie er es nannte, von Kind auf einzig lebensbestimmenden Thema, den Uhrenstellern zu widmen. Hubendorf hatte in seiner Berliner Zeit einen breitfächrigen Umgang. So bezeichnete er z.B. die Kunst als die Quelle aller, auch der wissenschaftlichen, Inspiration.

Theoriebildung nach Hubendorf
Pierre Rebailis, von dessen Texten einige auch Hubendorf ins Deutsche übersetzte, so Hubendorf, habe als der Künstler, der er eigentlich gewesen war, verständlicherweise keine Neigung zu einer Theoriebildung gehabt. Er sei im besten Fall noch von der Leibnitzschen prästabilierten Harmonie ausgegangen, die in aufgeklärten Worten in etwa, wenngleich auch umgekehrt, dem ähnele, wovon auch Betine von Adalberth in etwa ausgegangen sei. Leibniz hätte die Welt mit einem von Gott geschaffenen Uhrwerk verglichen, dass nun von selbst liefe, während Betine von Adalberth genau das Gegenteil davon meinte. Ab 1819 hingegen, so Hubendorf, nach Erscheinen des Schopenhauerischen Werks, sei man allgemein davon ausgegangen, dass es sich bei den Uhrenstellern um einen Willen handele, der nicht mehr notwendig in Gott begründet sei, sondern Ausdruck eines Weltprinzips. Ab 1859 dann hätte Darwin im Rahmen seiner Evolutionstheorie erstmals die These ermöglicht, dass es sich bei den Uhrenstellern um Wesen handele, die aus einem evolutionären Prozess hervorgegangen seien, während sich parallel dazu im Rahmen der Nutzbarmachung der Elektrizität (z.B. der Stromerzeugung), auch Theorien entwickelt hätten, die davon ausgingen, dass es sich bei den Uhrenstellern einzig um physikalisch-elektrodynamische Wellenphänomene handeln könne. 1867 wiederum, so Hubendorf, hätte Karl Marx dann erstmals auch die These ermöglicht, dass es sich bei Uhrenstellern um etwas Materielles handele, das aus einem dialektischen Prozess hervorgegangen sei, und hier vor allem im Zuge der Industrialisierung und den damit einhergehenden unmenschlichen Arbeitsbedingungen, während sich im Rahmen der Arbeiten Friedrich Nietzsches dann wiederum der Wille in einem allerdings anthropozentrischen Sinne in den Vordergrund gedrängt hätte, und hier vor allem im Zusammenhang mit einer, möglicherweise auch evolutionär bedingten, Machtentfaltung. Ab 1899 hingegen, so Hubendorf, hätte Sigmund Freud dann eindrucksvoll den Gedanken nahegelegt, dass es sich bei den Uhrenstellern um etwas Unbewusstes handele, während Ludwig Wittgenstein, dessen Tractatus logico-philosophicus Hubendorf in einer Abschrift 1919 schon bekannt gewesen sein muss, den weiteren Verdacht nahe legt, dass es sich bei den Uhrenstellern möglicherweise um ein Problem in der Sprache und der Sprachbenutzung handeln könnte, auch wenn das Wittgenstein, so Hubendorf, zu dieser Zeit noch habe gar nicht wissen können. Weniger verbreitete Theorien, so Hubendorf, die aber viele Anhänger fänden, beriefen sich darauf, dass es sich bei den Uhrenstellern um astralische Erscheinungen und/oder direkte Erscheinungen im Vorhandensein eines Äthers handele, die möglicherweise nicht terrestrischen Ursprungs seien. Gerade letztere Auffassungen, die nicht terrestrischen, seien weit verbreitet. Abwegigere Theorien, wie z.B. die Glühwürmchentheorie, seien vor allem ihrer geographischen Begrenzung, die westlich nur bis nach Nancy reiche, östlich aber noch nicht erforscht sei, vor allem aber ihres Nichtvorkommens in Nordamerika und Asien wegen, inzwischen widerlegt. Ab 1912, so Hubendorf, in Folge des Untergangs der Titanic, wie auch in der bis dato vorliegenden Liste der Katastrophen, an denen mittel oder unmittelbar Uhrensteller beteiligt gewesen waren, bildete sich vor allem im Zusammenhang menschengemachter Katastrophen die sog. Ablenkungstheorie heraus, die besagt, dass Uhrensteller nicht unmittelbar, sondern nur mittelbar an diesen Katastrophen beteiligt waren, insofern sie an entscheidenden Stellen menschliche Fehlleistungen begünstigten, da die betreffenden Personen durch sie abgelenkt gewesen seien und deshalb Fehler gemacht hätten.

Die Hubendorfliste in Zusammenfassung
Die ersten Uhrensteller traten, nach Hubendorf, Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts auf. Die eigentliche Zeit der Uhrensteller aber begann mit Anfang des siebzehnten Jahrhunderts. Den Grund hierfür sah Hubendorf vor allem in der Erfindung der Hemmung wie auch des darauf folgenden Pendels. Ganz früher, im Altertum, gab es noch keine Uhrensteller. Die Entstehung der Uhrensteller ist eng mit der Erfindung der Räderuhr verbunden. Die Räderuhr wiederum ist aus der Wasseruhr hervorgegangen, die wiederum aus der Sonnenuhr hervorgegangen ist. Neben der Räderuhr und der Wasseruhr hat es über eine sehr lange Zeit auch Kerzenuhren gegeben. Zeitgleich zur Räderuhr fand auch die Sanduhr eine erste Verbreitung, die es aber schon sehr viel länger gab. Aber die Uhrensteller beginnen, wie gesagt, mit der Räderuhr. Der erste urkundlich erwähnte Uhrensteller geht, nach Hubendorf, auf den Türmer Johann Kreuzer zurück.

Der Türmer Johann Kreuzer (1428)
Johann Kreuzer war eigentlich ein Spielmann gewesen, der 1428 aufgrund tragischer Umstände Türmer geworden war. Als Türmer hatte er verschiedenste Aufgaben zu versehen und er war auch die Höhe des Turms nicht gewohnt. Außerdem konnte er nicht Trompete spielen, weswegen zu anfangs seine neunjährige Tochter das sog. Stundenblasen übernommen hatte. Auch war seine Tochter der eigentliche Grund dafür gewesen, dass Johann Kreuzer die Stelle als Türmer angenommen hatte. Johann Kreuzers Frau war bei der Geburt der Tochter gestorben. Die Stadt, in der Johann Kreuzer nun Türmer geworden war, war äußerst klein und hatte ihre Stadtrechte erst ein gutes Jahrzehnt zuvor erhalten. Dass sie zu dieser Zeit bereits über eine Turmuhr verfügte war einer Rivalität gegenüber der Nachbargemeinde entsprungen, die ebenfalls einige Jahre zuvor ihre Stadtrechte erhalten hatte und dann eine Turmuhr. Diese Rivalität wiederum ging auf eine außerordentlich lang zurückreichende Fehde der beiden Gemeinden zurück. Johann Kreuzers Aufgabe war es daher, neben einer Unsumme anderer und durchaus wichtigerer Aufgaben, das Stundensignal so laut zu blasen, dass es die Bewohner aus der Nachbargemeinde hören konnten. Wenn der Wind mitspielte gelang das auch zumeist. Im Gegenzug konnte man, wenn auch selten, manchmal das Stundensignal des Türmers aus der Nachbarstadt hören, der aber zumeist den Wind gegen sich hatte. Johann Kreuzer muss eine arme aber auch sympathische Gestalt gewesen sein. Schon als Spielmann hatte er nur die Leier gespielt, während seine Frau immerhin doch die Fiedel gespielt hatte. Seine Tochter hingegen hatte das Flötenspiel erlernt und ihr Spiel war überaus einnehmend und soll wundergleich gewesen sein. Neben dem Stundenblasen und dem halbstündigen Glockenschlag hatte Johann Kreuzer vom Turm aus auch die Stadt zu überblicken und nicht nur vor Bränden, Unwettern und Banditen zu warnen, sondern auch die Uhr zu warten. Diese Uhr war furchteinflößend und ihre Mechanik lief unaufhörlich ab, ob Tag ob Nacht. Johann Kreuzers Aufgabe die Uhr betreffend bestand daraus die antreibenden Gewichte emporzuziehen und gegebenenfalls das Foliot anzupassen. Um das Foliot anzupassen musste Johann Kreuzer die Uhr anhalten und es grauste ihm ein jedes Mal aufs neue davor, denn es fürchtete ihn vor dieser Mechanik und er verlor diese Furcht nie. Als dann eines nicht genauer benannten Tages morgens die Sonne aufging und Johann Kreuzer schon über die Dächer der Stadt blickte, kam es dann zu einem Ereignis, das Johann Kreuzer nachhaltig verändert haben muss. Bekannt ist, dass er erzählte, dass er zunächst dasjenige, das er später als ein Zeichen benannte, für eine Sonnenspiegelung einer der Messingbeschläge von einem der reichen Bürgerhäuser her gehalten hätte, aber es sei nicht von dort, sondern von der Nachbarstadt hergekommen. "Etwas geht zur Uhr hin und geht wieder von der Uhr weg", das war ab nun ein Spruch, den Johann Kreuzer unaufhörlich wiederholte. Als aber seine Tochter am nächsten Tag eine gute Anstellung bekam, obgleich sie beide ehrlos waren, nahm Johann Kreuzer das dann als ein Zeichen. Der Spruch nun "Etwas geht zur Uhr hin und geht wieder von der Uhr weg" schaffte es bis in die Teuteburger Annalen und soll daselbst von der Freifrau Betine von Adalheim, einer Cousine des Wettiner Landgrafen von Thüringen Wilhelm III Sachsen, 1490 als erste Erwähnung eines Uhrenstellers ausgelegt worden sein.

Betine von Adalheim (1490)
Betine von Adalheim, die Frau des Freiherrn Adalberth von Adalheim, war ihrer Zeit weit voraus. Sie hatte für die höfischen Rituale nichts übrig und lebte schon nach kurzer Zeit von ihrem Mann getrennt auf der Eckardsburg zu Trendelbach, das zum Allod ihres Mannes gehörte. Frauen besaßen zu dieser Zeit keine Rechte, sofern sie nicht adelig waren. Aber auch den adeligen Frauen war es allenfalls nur möglich ihren Mann zu verlassen, indem sie in ein Kloster eintraten. Sie galt als für die damalige Zeit im höchsten Grad als belesen und obskur zugleich. Die Gerüchte, die Zeit ihres Lebens um sie kursierten, sollen sie mehr als ein Mal in ernsthafte Schwierigkeiten gebracht haben, denn sie wurde der Magie bezichtigt und ihr wurden Zauberkräfte nachgesagt. Um eine Anklage wegen Ketzerei zu vermeiden soll nun ihr Mann auf die Idee gekommen sein im westlichen Turm der Eckardsburg zu Trendelbach eine Uhr einbauen zu lassen, die über einen Glockenschlag verfügte. Vor die Wahl gestellt der Ketzerei bezichtigt zu werden oder stündlich zum Glockenschlag der Uhr Gebete zu halten, wie das in Klöstern schon seit geraumer Zeit anhand von Kerzenuhren üblich war, soll Betine von Adalheim ab da unter die Geisel eines stündlichen Gebets gestellt gewesen sein. Da der Glockenschlag der Uhr bis ins Nahe Fischbach, das ebenfalls zum Allod ihres Mannes gehörte, zu hören war, verbreitete sich dort alsbald die Meinung, so man stündlich nun die Glocke hörte, dass die Freifrau jetzt wieder beten würde, bis dass die Gerüchte verstummten. Betine von Adalheim daselbst soll sich aber nicht ein einziges Mal an diese Anweisung gehalten haben. Man sah sie durch die Natur streifend und in einfacher Kleidung, wusste aber nicht ob sie das war, wohingegen das nahe gelegene Fischbach, des nunmehr gegebenen stündlichen Glockenschlags wegen, einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung genommen haben soll, noch bevor dieses, 200 Jahre später, selbst eine Turmuhr erhielt und das gegenwärtig (1921), so Hubendorf, zu einem bedeutenden Zentrum der Automobilfabrikation heranwächst. Betine von Adalheim hingegen war eine bemerkenswerte Frau, die wie kaum eine andere Frau den frühen Geist der Renaissance verkörperte. Einerseits in ihrer Zeit verhaftet, verfügte sie über eine so außerordentliche Auffassungsgabe, dass sie nicht nur damit begann die mystische Formensprache und die magischen Lehren ihrer Zeit in eine neue Ordnung zu fassen, sondern sie auch mit der Formensprache der Natur in ein neues Ordnungssystem einzufügen, in dem alles Leben gleichberechtigt war. Ihr eigentliches Hauptwerk "Über die Natur" gilt als verschollen. Viele ihrer Schriften wurden von der Kirche konfisziert. Allein einige ihrer Briefe sind in Abschrift von ihr erhalten. Und in einem dieser Briefe, den sie an keinen geringeren als Erasmus von Rotterdam geschrieben hatte, und mit dem sie zudem in einem überaus energischen Disput im Zusammenhang mit dessen Judenhass gestanden haben soll, den sie verachtete, stand: "Gott will nicht, dass der Mensch die Zeit bemisst und die Uhr hat es zwei Mal mit Licht gezeigt und wie dem Türmer einst in Teutenburg". Im frühen 18 Jhd. wurde Betine von Adalheim noch in Philosophiebüchern erwähnt und als magische Rationalistin, Mathematikerin, Theologin und Naturforscherin geführt, verschwand dann aber aus den Aufzeichnungen. Die Räderuhr der Eckardsburg zu Trendelbach wiederum soll während des dreißigjährigen Krieges von Dänen gestohlen worden sein. Die Burg wurde geplündert, und der magische Schatz der Betine von Adalheim, der aus umfangreichen Schriften und den feingliedrig angefertigsten Systematiken bestanden haben soll, die von der Vielstimmigkeit, dem Pluralismus, dem freien Willen handelten, und der aber auch aus gesammelten Heilkräutern und Gräsern, Gebetstexten und Segensprüchen, magischen Edelsteinen, Amuletten und Talismane, erstellten Sternkarten, Naturskizzen, Zaubersprüchen und in Pergament geritzten Buchstabenfolgen bestanden haben soll, wurde in alle Winde zerstreut, während fern ab davon, im englischen London 1631 die Worhipful Company of Clockmakers gegründet wurde, zu der auch der Uhrmacher Thomas Blundell gehörte.

Thomas Blundell (1639)
Thomas Blundell war nicht nur ein Uhrmacher mit Leib und Seele, sondern er gehörte zudem auch einem neuen Berufstand an. Er hatte sein Handwerk im französischen Jura gelernt und war dann, auch wegen des Krieges, nach London zurückgekehrt. Nicht vermögend genug, um eine eigene Uhrmacherwerkstatt zu gründen, begann er bei Jeffrey Mull in der Fleet Street 112 zu arbeiten, einer zu dieser Zeit bereits angesehen Uhrmacherwerkstatt. Bei Mull arbeiteten insgesamt 6 Uhrmacher. Die Werksatt Mull stellte vornehmlich Tischuhren mit Federantrieb her und gewichtsgetriebene Wanduhren als Hausuhren, die aber zu dieser Zeit noch über kein Pendel verfügten. Die Nachfrage nach Uhren wuchs, obgleich Uhren sehr teuer waren. Die Herstellung einer einzigen Uhr konnte bis zu einem halben Jahr dauern. Die Gewerke waren aufwendig verziert. Gefertigt wurde daher fast ausnahmslos auf Bestellung und die Uhren mussten ihres Preises wegen auch bereits zur Hälfte angezahlt werden. Nach Fertigstellung wurden die Uhren ausgeliefert. Außer einigen Uhren befanden sich daher zumeist sehr wenige lauffähige Uhren in der Werkstatt. Thomas Blundell nun kam morgens als erster und ging abends als letzter. Er war wie besessen davon bald seine eigene Uhrmacherwerkstatt eröffnen zu können und er war davon überzeugt, dass die Uhren in Zukunft so klein sein würden, dass man sie mit sich tragen könne, denn er hatte solche bereits in Frankreich gesehen, wenn auch nicht von innen. Auch würden sie nicht nur die Stunden anzeigen, sondern auch diese noch mal unterteilt. Eines Abends, es war 1639, es war in der Werkstatt bereits zu dunkel, um noch irgendetwas arbeiten zu können, blieb er noch sitzen. Er tat dies oft, denn er stellte sich so vor wie er seine eigene Werkstatt einrichten würde. Er sah auf die einzelnen Werkplätze, die des Lichts wegen zur Gasse hin ausgerichtet waren, die Messlehren und die vielen Vorrichtungen zur Herstellung der Räder und der Getriebe. Die Galerien an Feilen und an Hämmerchen, die Drähte, die zu Fäden zu ziehen waren, um aus ihnen die Schrauben herzustellen, die Messingplatten und die Niet-Zangen an der Wand, die Sägen mit den Rändelschrauben und die Sägeblätter für den Innenschnitt, die Kolben und die Zahnradzuschnitte, die unzähligen Schraubstöcke in allen Größen, Schneid- und Polierwerkzeuge, die Gravurnadeln und auf die Kreuzkegel, während die Dämmerung allmählich alle Formen der Werkstatt in ein Dunkel einhüllte. Da nahm er eine Bewegung wahr. Obgleich für einen Augenblick erschreckt, schob er das ganze auf seine Müdigkeit. Der Eindruck aber wollte sich auch auf seinem Nachhauseweg nicht ganz verflüchtigen. Er blieb tatsächlich über Tage. Etwa ein halbes Jahr später ereignete sich das gleiche, aber Thomas Blundell war nicht allein in der Werkstatt. Ein Lehrling namens John Busby war bei ihm und auch er hatte das Phänomen gesehen. Beiden schienen davon gleichermaßen irritiert und Blundell erzählte, dass er das schon mal gesehen habe. Nicht viel später kam heraus, das dieses Phänomene auch schon bei anderen Uhrmachern wahrgenommen worden waren. Zuerst in der Farringdon Road bei J. Fawcett und dann auch in der Seething Lane bei Henry Flavelle, und das Ganze nahm nun einen Weg über Sir William Beaufort, der eine der zu dieser Zeit noch äußerst seltenen Taschenuhren in Auftrag gegeben hatte, an der sich nun Thomas Blundell versuchte, denn er hatte sich in der Zwischenzeit viele Gedanken darüber gemacht und Skizzen angefertigt. Sir William J. Beaufort war bekannt dafür, dass er einen Salon für Gelehrte unterhielt (Es gab schon Oxfort), die sich den zu dieser Zeit aufkommenden Wissenschaften verschrieben hatten im Sinne einer experimentell bewiesenen Wissenschaft. Ein Salon übrigens aus dem 1660 die Royal Society hervorgehen sollte. Sir Beaufort aber war mehr der Gastgeber dieser Treffen als ein Wissenschaftler und Details widersprachen seiner Natur, obgleich er in der These, dass Wissenschaft experimentell beweisbar zu sein habe, durchaus einen wenn auch nicht wirklich erkennbaren Reiz sah. Im allgemeinen Glauben, dass sich Sir Beaufort sicherlich für diese Phänomene, die sich im Bereich der Uhren abspielten, interessiere, bat man ihn also sich dieses Phänomen einmal anzusehen, denn es führte zu einer gewissen Unruhe unter den Uhrmachern. Das war insofern ein Novum, weil ein Sir mit einem Stammbaum eines William Beaufort nicht zu den Gilden ging, sondern jemanden schickte. Möglicherweise war es auch nur ein Interesse an der Uhrenherstellung, dass Sir Beaufort dann wirklich kam. Er sah sich aber dennoch deplaziert an diesem Ort. Seiner Stellung nach verfügte er, er erklärte nicht und er half auch nicht bei Erklärungen. Sir Beaufort hörte sich die verschiedenen Schilderungen an, die allerdings teils sehr unterschiedlich ausfielen. Einerseits war von schnellen aber kleinen Schatten mit einem Licht darin die Rede, andererseits von schimmernd rötlichen Funken, auf denen angeblich ein Teufelchen mit einem Dreizack ritt. Allen aber war gemein, dass es sich um sehr schnelle Bewegungen handelte, die eine Irritation hinterließen. Bei einigen war von einem Schauer die Rede, andere sprachen von Furcht, wiederum andere sahen sich unfähig dafür eine Beschreibung zu finden. Als Sir Beaufort nun immerhin einen geschlagenen Nachmittag trotz wichtigerer Dinge in der Uhrmacherwerkstatt von Mull verweilte, geschah nichts. Obgleich vielfach beteuert, dass von Mehreren Bewegungen wahrgenommen worden waren, ließ er sich noch auf eine weitere Stunde vertrösten, wie man das an Mulls Werkstattuhr ablesen konnte, und die er noch in der Werkstatt aushielt und ging dann aber ob der verbrachten Zeit verärgert davon und ließ die Uhrmacher ratlos zurück. Er hielt das ganze für Unfug oder Wunderglaube. Die Uhrmacher aber vermeinten späterhin das Problem gelöst zu haben, indem sie die fertigen Uhren in einen anderen Raum legten. Kamen diese Phänomene wieder vor, dann verschwieg man es oder ignorierte es, denn außer von einem ungewöhnlichen Gefühl begleitet, das sich aber bei jedem Mal zu erneuern schien, schienen diese Phänomene keine wirkliche Konsequenz zu haben. Häufig aber blieb es dem ein oder anderen in Mulls Werkstatt so, als habe er dieses Gefühl eben wieder wahrgenommen ohne aber etwas gesehen zu haben, so dass sich in der Folge nun eine gewisse Unruhe in der Werkstatt Mull einstellte, von der auch Blundell nicht ausgenommen war. Wie und ob diese Ereignisse Sir Beaufort dann abermals erreichten, ist unklar. Sicher aber scheint, dass er davon noch mehrmals gehörten haben muss, denn es muss sich ihm als sehr ärgerlich in der Erinnerung bewahrt haben. Bekannt ist, dass er es geringschätzig für einen Aberglauben hielt, andernmal für den Versuch der Uhrmachergilde auf sich aufmerksam zu machen, überall wurden Wunder von Gauklern gepriesen, um auf sich aufmerksam zu machen, als 1642 der englische Bürgerkrieg ausbrach, der innerhalb von 5 Jahren nahezu die gesamte englische Gesellschaft zerstörte.

Die unbekannten Scholastiker
Dabei seien, so Hubendorf, einigen und wenn auch sehr wenigen die Uhrensteller zu dieser Zeit schon durchaus bekannt gewesen. Namentlich einigen Scholastikern, die aber im Eigentlichen keine Scholastiker gewesen seien, so Hubendorf, sondern Sophisten. Nicht aber bekannt ist, woraus sie diese abgeleitet haben. Ihnen seien nur Kerzen- Sand- und Wasseruhren bekannt gewesen, oder allenfalls die Ulugen in Köln. Einige dieser Scholastiker bezogen sich auch ausdrücklich auf die Schriften und auch auf das Hauptwerk von Betine von Adalberth, das zu dieser Zeit noch verfügbar gewesen sein muss. Um zu verstehen, wer diese unbekannten Scholastiker waren, so Hubendorf, kann man sich folgendes vorstellen: Die Philosophie hat einen sehr flüssigen Ursprung und kristallisierte sich in der heutigen Form erstmals in Griechenland aus. Hinzukamen römische Philosophen. Mit dem Untergang des römischen Reiches nun fiel alles in eine weithin dunkle Zeit, in der all dies Wissen völlig verloren ging. Einzig die Araber hatten viele der Schriften bewahrt und dort entstand eine einzigartige Blütezeit der frühen Wissenschaften. Im Laufe der Jahrhunderte entstanden dort die prachtvollsten Wasseruhren und die geschicktesten Mechaniken, die den eigentlichen Vorläufer zu den Räderuhren darstellten, während die einzig im Europa verbliebene Macht, die katholische Kirche, über Jahrhunderte alles unterdrückte was ihren Lehren nicht entsprach. Als aber erste dieser Schriften nach Europa zurückkehrten, entstand eine Gelehrtenkaste, die vor allem aus Mönchen bestand. Die Mönche waren zu dieser Zeit nahezu die einzigen die lesen und schreiben konnten. Schriften wurden verbreitet indem sie abgeschrieben wurden; und unterdrückt, indem sie nicht abgeschrieben wurden. Häufig wurden die Schriften aber auch gemäß der Lehre der katholischen Kirche verfälscht. Diese Mönche aber fühlten sich im folgenden hauptsächlich einem Philosophen verpflichtet, der zu den größten Griechenlands gehört hatte: Aristoteles. Und mit diesem kam die Logik in die Welt, der sich diese Mönche, die später Scholastiker genannt wurden, weil sie auch schon Universitäten besuchten, bedienten, um die Welt und vor allem Gott logisch herzuleiten. Zu diesem Aristoteles wurde aber nun auch ein zweiter großer griechischer Philosoph wiederentdeckt. Dieser hieß Platon. Und im Wechselspiel der Rezeption dieser beiden Philosophen nun entwickelte sich die nahezu gesamte neuzeitliche Philosophie des Abendlandes. Neben diesen beiden Philosophen hatte es in Griechenland aber auch die Sophisten gegeben. Diese Sophisten waren beiden Philosophen verhasst gewesen, da sie ihnen mit ihren geistreichen Argumentation nichts als Ärger bereitet hatten. Und dabei, so Hubendorf, hatten diese Sophisten mit allem, was sie vorbrachten, Recht gehabt. Sie hatten Recht, wenn sie gegen Aristoteles ob dessen Meinung, dass Sklavenhaltung etwas natürliches sei, argumentierten, oder gegen Platon, der die Meinung vertrat, dass die Gesellschaft nur von einer besonderen Elite befehligt werden dürfe. Und da beide, weder Aristoteles noch Platon, aber nicht in der Lage waren, so Hubendorf, diese ihre Haltungen vor den geistreichen Argumenten der Sophisten, die zudem häufig fahrend und weniger begütert waren, verteidigen zu können, so nutzten sie einfach ihre gesellschaftliche Reputation aus, um diese Sophisten zu diskreditieren. Die Sophisten hätten aber überlebt, so Hubendorf, und hätten unerkannt nun als Scholastiker gelebt. Und dass späterhin auch die Scholasten dann dem Hohn und dem Spott ausgesetzt wurden, kümmerte sie nicht, denn sie waren ja keine. Wichtig aber nun, so Hubendorf, schien hier im Zusammenhang mit Uhrenstellern aber auch gewesen zu sein, daß für sie Größenverhältnisse, wie sie uns unserer Wahrnehmung erscheinen, keine Rolle spielten. So konnte ihnen das Göttliche auch äußerst klein ja winzig sein, ohne dabei seine Allumfassung und seine Allmacht zu verlieren. Um sich aber eine etwaige Vorstellung von dieser Zeit machen zu können, so Hubendorf, sollte man sich klar darüber sein, dass überall in Europa immer mehr Wallfahrtsorte aus dem Boden spriesten und dass die Ehrfurcht vor Gott das oberste Gebot war. Die religiösen Reliquien in dieser Zeit, und die aus Körperteilen von Heiligen, insbesondere Skeletteilen, Haaren, Fingernägeln und Blut, oder auch aus der Asche verbrannter Heiliger bestand, oder aus Berührungsreliquien, die von Heiligen zu ihren Lebzeiten berührt worden waren, und wozu bei Märtyrern auch die Foltergeräte und Waffen gehörten, die die furchteinflößensten Formen angenommen hatten, mit denen sie ums Leben gebracht wurden, alsauch alles, was diese berührt oder deren Körperteile jemals berührt hatte, sei es nun ein Zweig oder ein Papier oder ein Stoffetzen oder eine Sohle gewesen, und häufig zum Kauf auch auf Heiligenbilder geklebt, während noch die allgemeine und von der Kirche strikt bewahrte Vorstellung galt, dass sich die Erde nicht um die Sonne, sondern sich diese um die Erde drehe, während ein Mann namens Galileo Galilei die These eines Nikolai Korpernikus unterstützte, dass dies umgekehrt sei und von dieser Behauptung unter Androhung des Todes öffentlich abzuschwören hatte. Gleichzeitig war es aber auch dieser Mann gewesen, der 1583 beim Anblick eines schwingenden Kronleuchters, an den er wohl versehentlich mit dem Kopf gestoßen war, die Bedeutung der Pendelbewegung und die in ihr liegende Konstante erkannte und daraus 1641 die Idee für eine Pendeluhr skizzierte, die dann erstmals von dem Holländer Christian Huygens 1645 gebaut worden sei, während gerade mal 15 Jahre später 1660 ein englischer Mann namens Issac Newton beim Frühstück von einem Apfel am Kopf getroffen wurde, aus dem er die bis heute gültigen Gravitationsgesetze ableitete.Die unbekannten Scholastiker aber nun, so Hubendorf, verstanden unter Uhrenstellern eine unbekannte bzw. unsichtbare Ursache höherer Ordnung, die auf das Wirken einer nicht der Natur unterworfenen Macht verweist. Jedoch unterschieden sie verschiedene Uhrenstellerbegriffe: So bezeichneten sie isolierte, punktuelle - tatsächliche oder scheinbare - Uhrensteller, im Unterschied zu Uhrenstellern, die auf ein göttliches Eingreifen zurückgeführt werden können, während zugleich Menschen die der Lehre der Kirche nicht folgten von der Inquisition auf Scheiterhaufen verbrannt oder auch gevierteilt wurden zwecks einer Gottesfurcht, und die aber, die ihr folgten, vor einem detailliert dargestellten Folteropfer niederzuknien hatten, das mit Hilfe grober Nägel an Händen und Füßen an ein Kreuz genagelt war und das mithilfe eines völlig verdrehten und konfusen Gedankengangs angeblich eine Lebensbejahung darstelle, während es in Wirklichkeit, so Hubendorf, einen Toten und die Furcht vorm Tod im Rahmen eines einschüchternden Totenkultes zeige, und, so Hubendorf, die Erlösung von einer Schuld verspreche, die es nie gegeben hat, um diese damit endgültig und für alle Ewigkeit zu zementieren. Eine Haltung, die sich nur allmählich ändern sollte und die, so Hubendorf, eine geradezu europaweite schockartige Revision 1755 mit dem Erdbeben von Lissabon erfuhr, als die Uhren schon Minutenzeiger hatten.

Der Fall Jameson Campbell (1652/53)
1650 aber nun, so Hubendorf, sei in London plötzlich ein Gentlemen namens Jameson Campbell aufgetaucht, dessen Fall einige Jahre später in England in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts für Furore sorgte, und in dessen Ausmaß Campbell erstmals die Kugelform der Uhrensteller beschrieb. Doch der eigentliche Fall war defizil, denn "the Point of Interrest" lag völlig anderswo. Er wurde im London Inquirer, einer Zeitung aus der später die London-Gazette hervorgehen sollte, umfangreich dargestellt, ist aber wegen des großen Feuers von 1666 nur in Fragmenten vorhanden. Zwar soll es einen Uhrmacher namens John Fawcett gegeben haben, der behauptet haben soll, dass Campbells Beschreibung stimme, doch für die Campbellsche Uhrenstellerbeschreibung interessierte sich niemand, denn man hielt diese nur für eine sehr perfide Provokation, die im eigentlichen gegen den ehrwürdigen Adel ging. Außerdem war unbekannt, woher Campbell gekommen war und er sollte das in allem Weiteren auch nachhaltig verschweigen, was im Nachhinein auch einen Sinn ergibt. Er war 1650 plötzlich in London aufgetaucht und hatte das Haus in der Chancery Lane bezogen, das ihm offenbar gehörte. Vom Kontinent her waren die Taschenuhren in Mode gekommen. Sie waren außerordentlich kostbar gehörten aber zum unausweichlichen Accesoires eines Gentlemen, dessen Zeit fortan bemessen war. Einige, aber nicht alle, waren von Thomas Blundell, der in der Zwischenzeit hervoragende Taschenuhren baute und der seine Werkstatt in der Harley Street hatte. Andere wurden vom Festland importiert. Für einen englischen Gentlemen gehörte es sich aber, dass er eine englische Taschenuhr bei sich trug, die von einem Londoner Uhrmacher stammte. Thomas Blundells Uhren waren außerordentlich begehrt. Man sprach auch erstmals davon, dass verschiedene Gentlemen zuweilen die Unsitte hätten bei jeder nur erdenklichen Gelegenheit ihre Uhr hervorzuholen, allein um zu zeigen, dass sie eine hatten. Der Vorfall aber, so Hubendorf, begann 2 Jahre später in einem der ersten Gentlemenclubs zu dem Campbell eigentlich keinen Zutritt hatte. Er war eingeladen worden. In diesem Gentlemeclub nun hatte Jameson Campbell ausgerechnet Sir William Beaufort, der den Bürgerkrieg unversehrt überstanden hatte, beiläufig gefragt, was es eigentlich mit den Bewegungen auf sich habe, die man zuweilen zwischen Taschenuhren bemerken könne. Offenbar hatte Campbell diese Bewegung schon öfter wahrgenommen ohne darum groß Aufsehens zu machen. Sir Beaufort aber hielt dieses augenblicklich für einen Affront mit einer deutlichen Anspielung auf die dreizehn Jahre zuvor beschriebene Situation in der Uhrmacherwerkstatt Mull, obgleich ihm unmöglich gewesen wäre, sagen zu können, wie Campbell davon gehört haben soll. Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass Campbell davon gehört hatte. Wesentlich aber schien zu sein, dass Sir Beaufort Jameson Campbell für einen sog. Kriegsgewinnler hielt. Damit waren die gemeint, die durch den Bürgerkrieg aufgestiegen waren und die Cromwell nahe standen. Generell hatten die geadelten Gentlemen für neureiche Gentlemen, die über keinen Familienstammbaum verfügten, nichts übrig, obgleich Sir Beaufort durchaus sah, das der um einiges jüngere Campbell einen tadellosen und durchaus einnehmenden Stil hatte, auch wenn über die Herkunft Campbells nichts bekannt war. Da Campbell kein Wappen besaß, war er genau genommen auch kein Gentlemen, trat aber als ein solcher auf. Heute würde man Campbell als einen Dandy-Gentlemen beschreiben, so Hubendorf, eine Bezeichnung, die es damals noch nicht gab. Nun ging es aber zunächst darum, ob die Frage, die Campbell Sir Beaufort 1652 gestellt hatte, tatsächlich eine Frage gewesen war oder ein Affront. Das besondere Augenmerk richtete sich dabei dann auch auf die Art und Weise, wie Campbell diese Frage an Sir Beaufort gestellt hatte, denn er war eher beiläufig an diesen herangetreten und hatte, während er die Frage stellte, auf seine Taschenuhr geschaut. Es ging also zunächst grundsätzlich um die Frage wie man eine Frage stellt und ob die Geste währenddessen auf seine Taschenuhr zu schauen nicht im Grunde eine abfällige Geste war. Dieses Problem war aufgrund noch nicht vieler Uhren durchaus neu. Wie immer man das nun in den seitenlangen Erörterungen, die später gerichtskundig geworden waren, entscheiden wollte, am Ende blieb eine grundsätzlich abschätzige Haltung Campbells bestehen, die auf einem offenbar völligen Unbeeindrucktsein vom Adelstand zurückzuführen war. Allerdings hatte sich dieser Fall, der wie gesagt von der Öffentlichkeit verfolgt wurde, zu diesem Zeitpunkt längst in eine gänzlich andere Richtung bewegt, denn man bezichtigte Campbell mittlerweile einer gewisse Nähe zu Männern. Das nun glaubte man dadurch zu stützen, dass er nie oder nur selten mit Frauen gesehen wurde. Gleiches im Bereich der damals bereits üblichen Etablissements, in denen man Campbell auch nie gesehen hatte. Tatsächlich aber war nun Campbell überall gesehen worden. So an den Dogs, Ebgate, Old Fish Street, Cornhill, Cripplegate, Eastcheep, Black Friars, Westminster Hall und sogar in den Moorfields. Meistens nachts. An den Docks soll er auf Schiffe gegangen sein, die wechselnde Flaggen hatten. In den Gaukler-Vierteln in die schäbigsten Pubs. Auch im Bereich von Regierungsgebäuden (Westminster), wo man ihn sogar nachts beim Kricketspielen gesehen haben wollte, an den Themseufern, wo er angeblich geheime Theateraufführungen besuche, die unter Chromwell verboten waren. Einen weiteren und zuletzt wichtigsten Punkt aber bildete seine Herkunft, die er stoisch verschwieg, weswegen hier allen nur erdenklichen Spekulationen Tür und Tor geöffnet waren. Einen Tag nun kam Campbell aus Neuengland und war der Sohn ausgewanderter Katholiken, am nächsten Tag war er der uneheliche Sohn eines englischen Lords mit einer im zweifelhaften Ruf stehenden französischen Adeligen, wiederum einen Tag später war er ein entfernter Verwandter des bayerischen Königs der angeblich einen sultanen Harem unterhielt. Campbell selbst nun war gegen diese Anfeindungen machtlos. Seine spätere Erklärung, mit der er vermutlich noch etwas zu retten versuchte, er habe in einem Moment, als er in der Brick Lane stand und sich überlegte einen der dort empfehlenswerten Schneider aufzusuchen seine Taschenuhr hervorgeholt um zu sehen ob ihm vor dem Abend noch die Zeit bliebe, verhallte im Nichts. Dabei, so Campbell, sei ihm ein anderer Gentlemen auf der anderen Straßenseite beiläufig aufgefallen, der ebenso stehen geblieben war und auf seine Uhr schaute. Und da sei es zu einer Bewegung zwischen den Uhren gekommen. Die Bewegung sei äußerst schnell gewesen und deutlich kugelförmig mit einem Durchmesser von etwa einem viertel Zoll. Campbell wurde zu einer Kerkerstrafe wegen Spionage im Auftrag französisch-irisch subversiver Kräfte verurteilt, entzog sich aber dem Urteil durch Flucht aufs Festland, vermutlich auf einem Freibeuter. Erst vieles später gelang es jemanden herauszubekommen, wo Campbell herstammte. Er war der Sohn einer englischen Kaufmanstochter, die einen belgischen Kaufmann in Antwerpen geheiratet hatte, der wiederum zur niederländischen West- und auch Ost-Indien-Company gehörte. Als Campbell, der sich bis dahin ausschließlich den Künsten gewidmet hatte, im Alter von 22 Jahren von den westindischen Dreiecksfahrten erfuhr, wendete er sich angewidert ab und war nach London gegangen, nicht aber ohne ein beträchtliches Kapital, das von seiner Mutter herrührte, die sich stets um ihren Sohn sorgte. Er soll später nach Paris gegangen sein. Der Uhrmacher Thomas Blundell wiederum soll 1665 an der Pest in London gestorben sein und seine Werkstatt fiel dem großen Feuer von 1666 zum Opfer. Niemand aber erinnerte sich der Campbellschen Uhrenstellerbeschreibung, so Hubendorf, als dieses Feuer zunächst auf einen französischen Uhrmacher zurückgeführt wurde, der die Brandlegung gestanden hatte und der dafür auch gehängt worden war. Die englischen Uhrmacher wollten die französischen Uhrmacher nicht in ihrem Land haben. Es gab einen erbitterten Streit um das Recht Uhren bauen zu dürfen. Der französische Uhrmacher aber hatte mehrfach betont, dass er das Feuer gelegt habe und berichtigte sich zudem beim Ort, als man feststellte, dass das Feuer zuerst in einer Backstube ausgebrochen war und nicht dort, wo er vermeinte das Feuer gelegt zu haben. Nun aber sprach er von den hellen Kugeln, die es ihm erzwungen hätten und auf denen er die Brände habe reitend legen können. Auch die Uhrmacherwerkstatt von Jeffrey Mull fiel dem großen Feuer zum Opfer, als exakt am 2. September 1688, also dem 22. Jahrestag des großen Londoner Feuers, so Hubendorf, der Dubliner Uhrmacher Callum Kavanagh Dalryrmple eine Bewegung in seiner Werkstatt wahrnahm.

Die Geschichte von Callum Kavanagh Dalryrmple (1688)
Callum Kavanagh Dalryrmple war alt. Er saß in seiner Werkstatt und war umgeben von Uhren, die er allesamt selbst gebaut hatte. Inzwischen war das Ticken in die Welt gekommen und die Uhren wurden von einem Pendel angetrieben. Es war schon einige Zeit gegangen, dass Callum Kavanagh Dalryrmple sich fragte was aus seiner Werkstatt werden solle. Callum Kavanagh Dalryrmple galt als zornig und aufbrausend. Keiner der Lehrlinge hatte es lange bei ihm ausgehalten, denn nichts war Callum Kavanagh Dalryrmple gut genug. Er fand die Schrauben nicht gut gezogen, die Löcher nicht recht gebohrt. Nur einer hatte ihn ertragen und der war ihm an Typhus gestorben. Seit Jahren nun merkte er dass seine Augen schlechter wurden und er war um dieses Umstands verzweifelt. Alles was kleiner als eine Erbse war kostete ihn größte Mühe und die Uhren wurden immer kleiner. Er hatte aufs Alter gespart und die Uhren, die er noch besaß stellten auch einen guten Wert dar, wenngleich sie auch nicht dem neuesten Stand entsprachen, aber sie waren zuverlässig. Als dann die volle Stunde kam, begannen seine Uhren zu schlagen. Obgleich er viele Uhren hatte, kam es praktisch nie vor, dass zwei Uhren zugleich zu schlagen begannen. An eben jenem Abend aber war das der Fall. Zuerst aber maß er die Bewegung seinen schlechten Augen zu. Das Phänomen allerdings einmal gesehen, nahm er es nun öfter wahr. War ihm zuerst noch gewesen, dass es sich zwischen den beiden gleichschlagenden Uhren ereignet hatte, so sah er es nun gelegentlich auch an anderen Uhren, nur dass die Bewegung von irgendwo draußen zu kommen schien. Erst war ihm als käme diese Bewegung durchs Fenster, dann schien ihm dass die Wände eine andere Form annahmen. Ähnlich nun wie beim Türmer Johann Kreuzer, so Hubendorf, erzählte der Uhrmacher Callum Kavanagh Dalryrmple nun: "Something is moving beetween my watches" und er schien außerordentlich aufgewühlt davon zu sein. Bekannt ist, dass er es der Frau aus dem nahe gelegenen Gasthaus erzählte, die ihm täglich das Essen brachte. Unklar war, ob er es nun öfter sah oder ob es nur seiner Einbildung entsprang, doch er sah es nun immer öfter. Zugleich aber schien es ihm als sei damit etwas in Erfüllung gegangen, wenngleich er auch nicht sagen konnte was. Ohne auch nur noch eine einzige Uhr in den folgenden Jahren zu fertigen verbrachte er danach nahezu die ganze Zeit in seiner Werkstatt. Wenn jemand hereinkam wirkte er milde und eigentümlich entrückt zugleich. Niemand nun konnte sich erklären, warum Callum Kavanagh Dalryrmple so milde geworden war. Man hielt ihn schlicht für verrückt geworden aber ungefährlich, wohingegen es in der Folge nun zu einer unerklärlichen Nachfrage nach seinen Uhren kam und ein Lied über ihn entstand, das "Dalryrmple Lied" und das von einem Mann erzählt, der aus der Zeit gefallen war. Callum Kavanagh Dalryrmple aber gab keine seiner Uhren mehr heraus obgleich ihm teils horrende Summen für diese geboten worden sein sollen. Die Frau vom nahen Gasthof brachte ihm wie schon zuvor das Essen, und er soll erst Jahre später dann im Glück entschlummert sein, als sich, so Hubendorf, in etwa zeitgleich aber tausend Kilometer davon entfernt die Geschichte der Elsbeth Leidlechner von Grenchen ereignete.

Die heilige Elsbeth (Um 1700)
Elsbeth Leidlechner war eine Bauerstochter aus dem schweizerischen Jura. Die Bauern dort waren so arm und die Böden auf der Höhe so schlecht, dass sie in Heimarbeit begannen Uhren herzustellen. Die Werkzeuge, die sie sich dafür beschaffen mussten waren äußerst teuer und viele der Bauern gingen zunächst trotz eigener kleiner Höfe in den Frondienst, um das Geld dafür zu verdienen. Die Landwirtschaft war karg und alle mussten auf dem Hof mithelfen, wobei vor allem die Mädchen Zuhause oft an den Uhren saßen und dort vor allem die Fertigung der kleinsten Teile übernahmen, auch und gerade weil sie noch keine zittrigen Hände hatten. Die meisten Bauern, so Hubendorf, stellten auch keine Uhren her, sondern lediglich Teile von Uhren, von denen sie oft nicht mal wussten, wofür die gedacht waren. Zumeist geschah das über die Wintermonate. Sie bekamen dazu einige Beispielstücke der Teile gebracht und das Material und die Werkzeuge dazu, die sie aber zu bezahlen hatten, und bauten diese Teile nach. Die Uhrenproduktion in der Schweiz sei im eigentlichen durch die aus Frankreich vertriebenen Protestanten gekommen, die sich nahezu über das gesamte Europa verteilten und die viel handwerkliches Geschick mitbrachten, und so auch das der Uhrenherstellung. Elsbeths Vater aber, so Hubendorf, wollte nicht einfach nur Teile herstellen ohne zu wissen wofür die waren. Ihn hatte die Neugierde getrieben zu sehen was aus den Teilen später wird. Nach einem mehrtägigen Fußweg sei es ihm so gelungen in der Stadt eine kaputte und bereits ältere Uhr von einem Pferdehändler zu erstehen. Eine funktionierende hätte er sich gar nicht leisten können. Zuhause dann demontierte er diese Uhr, bis er sie verstand und baute sie nach, wofür er sich nun nach und nach auch das Material und das Werkzeug beschaffte. Nicht selten aber, wenn ihre Eltern der Arbeit auf dem Feld nachgingen, saß Elsbeth allein zu Haus am Uhrenbrett. Sie fertigte die Zeiger. Der späteren heiligen Elsbeth nun, so Hubendorf, wurden Wunderkräfte zugesprochen. Sie war in ein Tal in der Nähe des Hofes gestürzt und hatte dies wundersam und völlig unverletzt überlebt. Sie hatte schon zuvor von den Lichtern zwischen den Uhren gesprochen aber niemand hatte sie ernst genommen. Sie hatte davon ihrer Mutter und auch ihrem Vater erzählt. Und auch anderen, wenn sie diese sah, denn ihr Hof lag abgelegen und einsam und sie sah kaum andere. Sie hatte diese als Engel interpretiert, die die Uhren stellen, wenn sie gleich auf sind. Auf die Frage nun, wie sie in das Tal stürzen konnte, sagte sie, dass da wider die Lichter gewesen seien und die seien so schön gewesen, dass sie nicht Acht gegeben habe auf ihr Zeigerlein. Sie hatte schon Tage an dem kleinen Zeigerlein gesessen und es sei ein schönes Zeigerlein geworden, als sie wieder die Lichter gesehen habe. Dann seien die Lichter nach draußen verschwunden und sie sei vom Uhrenbrett aufgesprungen und habe das Fenster geöffnet und da sei der Wind in das Haus geblasen und habe das Zeigerlein vom Uhrenbrett und aus dem Fenster geweht und sie habe doch so lang an dem Zeigerlein gesessen gehabt. Und so sei sie dem Zeigerlein hinterhergelaufen, das der Wind vor ihr her geblasen habe, und dann in die Schlucht gefallen. Das Mädchen aber schien wenig davon beeindruckt zu sein, dass es diesen Sturz völlig unverletzt überlebt hatte. Es sprach nur von den Lichtern und es war traurig darüber, dass es das Zeigerlein nicht wieder gefunden habe, und ob man ihr dabei helfen könne das Zeigerlein wiederzufinden. Als viele Jahre später dann, so Hubendorf, ein Wanderer und Dichter namens Gottfried Zwingli, der die Schlucht durchquerte, da er zumeist über Täler, Niederungen und Schluchten dichtete, das Zeigerlein der Elsbeth Leidlechner fand, wurde dieses wie eine Reliquie behandelt, was unter Protestanten als auch Calvinisten, so Hubendorf, durchaus ein Novum war. Wurde Elsbeth zuvor nur verehrt, so sprach man sie nun im Volksmund heilig, während im weit davon entfernten Paris, so Hubendorf, die Chronik des Monsieur Picot entstand.

Die Chronik des Monsieur Picot (Chronik 1740-1753)
Monsieur Picot bewohnte in der Rue des Foss Saint-Germain die ganze 4.Etage eine Bürgerhauses, dass sich auf der gegenüberliegen Seite des damals schon berühmten Cafe Procopio befand. Wovon Monsieur Picot lebte ist nicht bekannt, doch er scheint, betrachtet man seine Chronik, die er erstmalig im März 1740 niederzuschreiben begann, als es in Paris außerordentlich kalt gewesen sein muss, äußerst zurückgezogen gelebt zu haben und muß entsprechend begütert gewesen sein. Monsieur Picot war ein Uhrensammler und vermutlich der erste seiner Art. Betrachtet man nun dessen Chronik, die er äußerst genau über einen Zeitraum von ca. 13 Jahren in einer Art Listenform führte, so scheint Monsieur Picot völlig aus seiner Zeit gefallen zu sein, während sich unweit von ihm entfernt, und von seinen Fenstern aus gut sichtbar im Cafe Procopio die aller erstaunlichste Zeitgeschichte ereignete, die aber Monsieur Picot nicht zu interessieren schien. Die Chronik des Monsieur Picot galt einzig seinen Uhren und vor allem der Concierge, Madame Frapaux. Sie umfasst ca. 87000 Einträge und enthält genaue Minutenangaben. Der Chronik des Monsieur Picot nach schien es für Monsieur Picot nur drei Ereignisse gegeben zu haben, die er für notierenswert hielt. Erstens wenn eine seiner Uhren stehen geblieben war, zweitens wann die Concierge Madame Frapaux das Haus verließ, und drittens wann sie wiederkam. Daher ist die Chronik des Monsieur Picot vermutlich die genaueste Chronik des Tagesablaufs einer Concierge im Paris der Mitte des 18 Jahrhunderts, von 1740 bis 1753. Monsieur Picot war in Madame Frapaux verliebt. Diesen Schluss legte eine Analyse nahe, die 1910 eine Untersuchung mit besonders hellem Licht ergab, bei der ein Herzchen sichtbar wurde, das Monsieur Picot offenbar hinter einen Concierge-Eintrag gezeichnet, dann aber wieder aus dem Papier gekratzt hatte. Der Chronik des Monsieur Picot nach kam es zu dieser Zeit noch häufig vor, das Uhren stehen blieben. Viele Uhren schafften nicht mal einen ganzen Tag. Monsieur Picot schien viele Uhren zu haben. Da er den Uhren Nummern gab, kann man der Chronik entnehmen, dass während des Zeitraums der Chronik nahezu 50 neue Uhren hinzugekommen waren. Monsieur Picot besaß französische Uhren, deutsche Uhren, vorrangig aus Südwestdeutschland, schweizer Uhren aus dem Jura, und englische Uhren. Unter den englischen Uhren war auch eine Wanduhr aus der Uhrmacherwerkstatt Mull, sowie auch eine Taschenuhr von Thomas Blundell. Die Taschenuhren bewahrte Monsieur Picot in Vitrinen auf. Insgesamt gibt es in der Chronik nahezu 300 und Monsieur Picot muss stets besorgt um seine Uhren gewesen sein, während unweit von ihm, so Hubendorf, im Cafe Procopio die vermutlich maßgeblichsten Diskussion über die Zukunft der Welt stattfanden, die es bis dato gegeben hatte. Doch Monsieur Picot notierte nur, wenn eine der Uhren stehen blieb und wann Madame Frapaux das Haus verließ und wann sie wiederkam. Allerdings, so Hubendorf, enthielt die Chronik noch etwas. So muss es in diesen 13 Jahren des Monsieur Picot zu nahezu 200 Uhrenstellern gekommen sein, das hätte die eindringliche Analyse des Privatgelehrten und Schriftstellers Pierre Rebailis ergeben, so Hubendorf, der Anfang des 19. Jahrhunderts bereits auf die Uhrensteller aufmerksam geworden war, und den man nun gemeinhin und gültig als den eigentlichen Begründer der Uhrenstellerforschung betrachten könne, auch wenn dessen bis heute nicht vollends erschlossenes Werk weithin fiktionale Züge trage.

Pierre Rebailis (1790-1832)
Pierre Rebailis, so Hubendorf, der nun als der erste Uhrenstellerforscher angesehen werden sollte, obgleich sein bis heute nicht vollends erschlossenes Werk weithin fiktionale Züge trägt, hatte als Kind selbst im Hafen von Brest einen Uhrensteller gesehen, der sich im Bereich zweier französischer Offiziere abgespielt hatte. Späterhin und bereits in Paris, beschrieb er es als einen Lichtsprung, der äußerst schnell, ja flink gewesen sei und lebendig. Offenbar hatten die französischen Offiziere Taschenuhren besessen. Das damit einhergehende Gefühl sei für ihn unnachahmlich gewesen und es hätte ihn seitdem nicht mehr verlassen. Er sei hellwach dadurch gewesen, wie nach einem Schrecken bei einem gleichzeitigen Gefühl etwas Unerhörtes gesehen zu haben. Diese Bewegung habe unmittelbar alle seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Es sei keine normale Wahrnehmung gewesen und vermutlich sein lebensbestimmendes Ereignis. Pierre Rebailis wurde 1790 in Brest geboren, wuchs in Brest auf und verbrachte dort die ersten 21 Jahre seines Lebens bevor er nach Paris zog. Als junger Mann hatte er es geliebt sich in den Brester Hafenkneipen rumzutreiben. Pierre Rebailis sprach mehrere Sprachen, was auf eben jene Besuche als junger Mann in Hafenkneipen zurückzuführen war. Neben seiner Muttersprache französisch waren das spanisch, portugiesisch, irisch und englisch. Einige davon unterrichtete er auch später als Privatgelehrter in Paris. Er kannte den Fall Campbell und auch die Geschichte von Callum Kavanagh Dalryrmple war ihm bekannt, denn das gleichnamige Lied sei von geflohenen Jakobiten gesungen worden. Das Lied sei ein trauriges Lied gewesen aber die Jakobiten hätten es damals zur Ermutigung gesungen. So kam es, dass er die dortigen Seefahrer, und die allerdings nicht selten im völligen Trunk waren, nach Lichterscheinungen ausfragte, die sie vielleicht unterwegs gesehen hatten. Die Seefahrer nun hatten unterwegs die aller erstaunlichsten Dinge gesehen und auch oft die Neigung in allem ein Zeichen zu sehen, da ihnen jede Abwechslung an Bord willkommen war. Hauptsächlich aber sahen sie zumeist Gestalten, die aus dem Meer auftauchten und die die unglaublichsten Physiognomien hatten. Hier zuvorderst Kraken. Grüne Kraken, blaue Kraken und rote Kraken und schwarze Kraken, wobei die schwarzen Kraken die gefürchtesten waren; gefolgt von riesigen Würmern, die von einigen für Schlangen, von anderen für Würmer gehalten worden waren, und nicht zuletzt die vielköpfigen Gestalten mit einer unterschiedlichen Anzahl an Augen und der Größe nach meist größer als das Schiff. Ebenso aber auch Inseln, die die seltsamsten Formen und Farben hatten. Die tropisch, eisig, neblig waren und mit den unglaublichsten Pflanzen bewachsen und Tieren besiedelt. Inseln, die sie in der Flaute sahen, Inseln, die sie im Windstrom sahen, und Inseln, die sie im Sturm sahen; und die allesamt oft gar nicht dagewesen waren oder seltsam dann verschwunden seien. An dritter Stelle aber traten Lichterscheinungen, die aber zumeist nichts mit Uhren zu tun hatten, da die Seeleute selbst keine Uhren besaßen. Die Versuche die Seeleute nach Erscheinungen auszufragen, so Hubendorf, seien für Pierre Rebailis nicht immer ungefährlich gewesen, und er muß, neben ungezählten Schlägereien, auch so einigen Messern dabei entkommen sein, denn unter diesen Seeleuten gab es die finstersten Gestalten, die nicht selten auch auf Sklavenschiffen heuerten. Pierre Rebailis notierte sich diese Geschichten und versuchte sie zu seiner späteren Zeit, also ab 1812 in Paris, nachzuprüfen und zeitlich einzuordnen.

- So muss es nach Pierre Rebailis 1752, also noch vor seiner Zeit, zu einer Begegnung zweier englischer Galeonen, die von England aus auf dem Weg nach Philadelphia waren, und einer holländischen Fleute, die aus Rotterdam kam, auf dem Weg nach Jamaika gekommen sein. Die Schiffe hatten einander zu passieren, da sie sich überkreuzende Routen fuhren. Am 14. Juni 1752 ließ der englische Kapitän der Admiral of Nelson, James Bledfort von seinem Ersten Offizier folgende Eintragung in das Logbuch vornehmen. Auf der Höhe von St.Georg sei es beim Passieren eines Holländers, der den Kurs kreuzte, zu eine ungewöhnlichen Lichterscheinung zwischen den Schiffen gekommen, die zu einer nicht erklärbaren Beunruhigung der Mannschaft geführt habe. Kurz darauf sei mittschiffs eine ungewöhnlich hohe Welle aufgetaucht begleitet durch ungewöhnlich starke Scherwinde. Dadurch sei der Vordermast gebrochen. Der Kapitän der anderen britischen Fregatte Queen of Empire, notierte ähnliches in seinem Logbuch. Auch im Logbuch des Niederländers, der Kapitän hieß Van der Var, und der sonst nur Sklaventransporte fuhr, fand sich ein Hinweis darauf. Die niederländische Fleute hatte für damalige Verhältnisse Luxuswaren an Bord. Hauptsächlich Einrichtungsgegenstände, besondere Möbelstücke, ein Klavier und, so Rebailis, eine Kiste mit friesischen Uhren für den Fernhandel.
- Um 1770, so Rebailis, soll sich zudem bei anderen Uhrentransporten bzw- verladungen, die nach Übersee gingen, Ähnliches ereignet haben, wobei vieles davon aber im Diffusen blieb. Häufig sei von plötzlich in die Häfen einströmenden hohen Wellen gesprochen worden, die teilweise zu beträchtlichen Schäden an den Schiffen geführt hätten.
- Am 16.12. 1773 wiederum sei es nach Rebailis im Hafen von Boston, Neuengland, nach einer Erscheinung an der dortigen Hafenuhr zur Kaperung eines Schiffes durch wie Indianer verkleidete Einwanderer gekommen, die daraufhin Säcke mit Tee ins Wasser geworfen hätten. - 1773 wiederum, so Rebailis, wäre in Peru, und wie ihm das ein spanischer Seemann erzählt habe, eine Mine eingestürzt, wobei hunderte Indios verschüttet worden seien, nachdem man in eine nahe gelegene Kapelle eine Uhr eingebaut hatte an der es zuvor zu einer seltsamen Erscheinung gekommen sein soll, und aufgrund dessen man unzählige Indios hinrichtete, weil man angenommen hatte, dass das ein indianischer Teufelszauber gewesen sei.
- 1779 wiederum, so Rebailis, sei es auf Jamaika zu einer Marienerscheinung gekommen, was ihm ein englischer Seemann erzählt habe, der die meiste Zeit seines Lebens in der Karibik verbracht hatte, und der von New England (Rum and Gogds) nach Westafrika (Sklaven in Karibik) und von da aus nach Jamaika gefahren sei. Dieser habe erzählt, dass die dortigen Sklaven wenn sie an einer Uhr vorbeikämen ausspucken würden, weil man dort ein Licht gesehen hätte, das Missionare als eine Marienerscheinung interpretiert hätten, und dass man deswegen einigen der Sklaven die Zunge abgeschnitten hätte.
- 1789 wiederum, so Rebailis, sei es kurz vor dem Sturm auf die Bastille, wo es zu dieser Zeit an einem der Türme, dem Freiheits-Turm, noch eine Uhr gegeben habe, zu einer Lichterscheinung gekommen, ähnlich einem Blitz, das hätte ihm eine der daran beteiligten Personen erzählt. Diese Erscheinung habe den eigentlichen Sturm auf die Bastille überhaupt erst ausgelöst.
- 1793 wiederum, während der Jakobinerdiktatur, sei es beim Schleifen einer Kirche im Departement Cher zu einem Uhrensteller gekommen. In der Absicht den Kirchturm abzureißen habe man, nachdem man die Glocke ausgebaut hatte, die Turmuhr ebenfalls ausbauen wollen, dann aber aus einem plötzlichen Zorn gegen die Kirche einfach damit begonnen den Turm einzureißen. Hierbei sei es dann im Bereich der Uhr zu einer Lichterscheinung gekommen, die derart schnell und frappierend gewesen sei, so dass es in der zuvor noch laut krakeelenden Menschenmenge vor der Kirche, wie auch bei den am Abriss Beteiligten, zu einer sofortigen Stille gekommen sei und alle nunmehr niederknieten und beteten.
- Für 1800 wiederum, so Rebailis, hätte ihm ein französischer Seefahrer von einem Aufstand auf Saint Domingue (Haiti) berichtet, der blutig niedergeschlagen worden sei und davon, wie sich nach dem Aufbau einiger Uhrentürme nur wenige Tage später wegen einer dortigen Erscheinung eine Unruhe unter den Sklaven eingestellt hatte, die dann auf die Aufseher übergesprungen sei. Die Uhrentürme hätte man errichtet gehabt, weil in Saint Domingue eine moderne Arbeitsteilung praktiziert würde. Der Seemann sei zweimal die Route Frankreich - Angola - Saint Domingue - Frankreich gefahren, so Rebailis.

Rebailis und die Uhrmacher
Schon in Brest, so Hubendorf, habe Rebailis früh auch den Kontakt zu Uhrmachern gesucht gehabt, um seinen wahrgenommenen Uhrensteller bestätigt zu bekommen. In Brest habe es zu Rebailis Zeit aber lediglich zwei Uhrmacher gegeben. Beide aber, so Hubendorf, hätten den jungen Mann mit seinen insistierenden Fragen jedoch schnell übergehabt und nicht das Geringste gewusst. Tatsächlich, so Hubendorf, hätte Rebailis immer wieder zur Antwort bekommen, dass sie nicht wüssten was er meine und dass man die Uhren nur selten zu stellen brauche und dass sie, sofern man die Uhrenfeder nur regelmäßig spanne, von selbst liefen. [...]


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