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© Andrasch Migar, Auszug A1, Inventarliste Karton 13, Berliner Stadtreinigung, Altpapier
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UNVERSTELLT


Soll heißen: Die Tür, der Flur, das Zimmer, die Küche. Soll heißen: Der Schlüssel, der Aufgang, das Tor und das Bad. Soll heißen: Die Nachbarn, die Fenster, der Ausblick, die Wand. Soll heißen: Die Gegend, die Straße, die Stadt und das Haus. Soll heißen: Der Tag und die Woche, der Monat, das Jahr. Soll heißen: der Ablauf. Die Tür, die immer etwas klemmt, der Flur, der schmal und lang im Dunkel liegt, das Zimmer groß mit indirektem Licht, die Küche immerhin, die Sonne hat. Der Schlüssel, den man etwas kanten muss, der Aufgang abgetreten, ausgelatscht, das Tor zum Hinterhaus, das immer offen steht, das Bad noch nicht saniert. Die Nachbarn sieht man nicht, die Fenster immerhin. Der Ausblick, der noch schmalen Streifen Himmel hat, nach vorne raus das Vorderhaus, nach hinten raus das nächste Haus, und Wand. In einer Gegend, die gefragt ist, in einer Straße, die gefragt ist, in einer Stadt, die gefragt ist, in einem Haus na ja. Der Tag noch mittendrin, die Woche eher auch, der Monat mehr zum Anfang hin, das Jahr, das Jahr. Ach ja, das Jahr.

Es ist, als dass es gar nicht anders zu spüren ist, als dass es schon dagewesen war. So etwas Fehlendes, wie kann das denn Gegenstand sein, wenn es nicht schon dagewesen war. Aber dennoch ist es schön. So für Momente ist es schön, dass man sich erstmal gar nicht umschauen muss, dass da erstmal alles so ist, wie es war. Aber das eben nur kurz. Jetzt und nur kurz. Und es ist ja nicht das erste Mal. Da ist doch schon so etwas wie eine Erinnerung. So etwas wie ein Gestern, Vorvorgestern. Da ist doch etwas Längeres schon. So etwas, das sich doch schon hinzieht. Das doch seit geraumer Zeit schon in allem drin ist. Das ist doch unterschwellig praktisch lange schon. Praktisch ist das doch schon lange da. Da ist doch vorher schon so ein Geschmack im Mund. So etwas Trockenes, so eine Schleimbildung. Da ist doch schon so ein Austrocknen da. Immer schon am Ende ist das doch, dass da so ein Schlucken ist, so ein trockenes Schlucken, das man gar nicht schmecken kann. Und wieder die Tür, der Flur und das Zimmer; soll heißen: Der Schlüssel, der Aufgang, das Tor und das Bad, das ...

Da sind die Kanäle, moderne Kanäle wie Straßen, die niemand benutzt. Vernetzungen wie Netze, kein Fang, nichts verfängt. Vierhundertvierzig Schwingungen in der Sekunde. Das macht hundertzweiunddreißigtausendvierhundertundvierzig Schwingen in einem zögerlichen Moment, der sage und schreibe einunddreißig Sekunden dauert. Und dann gibt es da diese Motive; und so ein Motiv kann Angst sein. Dass man eine Angst hat, die so eine Angst ist, dass man jetzt in die Kanäle muss. Doch man braucht eine Nummer dazu, die jemanden nennt. So eine Nummer von wem, von wem ja eigentlich, wo man nicht mitgedacht wird. Und was bleibt ist ein Tut und ein modern gelöstes Zeichen, das eine Null und damit faktisch doch ein Nichts ist, doch immerhin modern gelöst.

Hier ist das Einrichtungshaus und da ist das Einrichtungshaus und das da, das ist mitgebracht und das da gabs umsonst. Und hier dran hängt das Herz und dieses da, das war ein Kompromiss. Und das, das ist bewegt, das wandert hin und her, am Morgen ist es da, am Abend ist es dort. Das ist so eine Gewohnheit, so etwas wie ein Ritual. So etwas wie ein Veränderliches ist das. Die Zeitschrift da ist neu, sie ist da hingelegt, sie liegt da wo die Zeitungen. Das Brot da ist noch gut, der Käse auch. Ein Teil davon ist aufgebraucht. Verbrauch.

Von links kommt jetzt das Messer auf die Bühne, wie von unsichtbarer Hand. Messer, das wird groß geschrieben, groß geschrieben heißt: Es ist jetzt eingeführt. Von rechts taucht unvermittelt eine Gabel auf. Es gibt Applaus; die Gabel ist bekannt, doch auch sie verhält sich wie von unsichtbarer Hand. Und in der Mitte liegt, umsäumt vom Brettchenrand, die Wurst. Rechts davon im Hintergrund und eher schattenhaft ein Marmeladenglas, das der stumme Zeuge ist. Und von oben schwebt ein riesengroßer Mund ins Licht, ein Mund, kein Maul, und wartet da ein bisschen, bis die Gabel, die heute übrigens wiedermal blendend aussieht, und das Messer da unten; von hier oben aus von rechts.

Diese Sehnsucht, dass da etwas fremd ist; so etwas Hineingebrachtes, so eine andere Handschrift darin. Und dann gibt es dieses Schieben und Rücken; so ein Zurechtschieben und Zurechtrücken, das eigentlich keine Bewegung hat und das vordergründig völlig sinnlos ist. Es ist so etwas wie ein abermals Belassen, ein erneutes Positionieren, ein Hingestelltes nochmal hinzustellen und alles bleibt auf seinem Platz dabei, was schon in Ordnung ist. Es ist der Abend nach dem Tag. Und so ist der Tag nun längst schon nicht mehr mittendrin, die Woche eher auch, der Monat irgendwo zum Ende hin, das Jahr, das Jahr. Ach ja, das Jahr. Sowas aber auch.

Vom Punkt aus gesehen ist ein solcher Augenblick eine Ausdehnung von unbestimmter Größe und noch dazu der Größte liegt ohnehin schon lange weg. Aber so ein Jetzt mal auf den Punkt gebracht, das ist ja so eine Annäherung, so ein Gegen Null Gehen, und das ist vielleicht der Punkt hier: Das gegen Null gehen und das hier alles gegen Null geht, auch wenn es vielleicht modern gelöst ist. Und deshalb vielleicht doch nur, muss jetzt etwas Anderes hinein, so ein entferntes Anderes, das völlig anders ist, das so praktisch über allem schwebt oder durch alles hindurchgeht, wie so ein Durchzug, so ein Lüften, so etwas von Frische oder Freiheit oder Frühling oder Sinn. Und da kommt jetzt also unvermittelt so eine Person hinein, die sich erstmal gleich großschreibt: Ein Ich also, das nun sagt: Hallöchen, ich bin dein abgenutztes, ausgelutschtes, längst verlebtes Du und will dir heller Stern am Himmel deines Pessimismus sein. Und da merkt man doch schon sprachlich, dass da was nicht passt, dass da was nicht zusammengeht und dass das jede Menge Brücken braucht, auch wenn da eine gute Absicht ist.

Und was am Ende bleibt, das ist vermutlich so ein Gedanke mit Lippenbewegung, ohne Adressat, vermutlich der Entwöhnung wegen. Bald stellt sich dann ein Flüstern ein, das auf die Dauer und Später so ein Murmeln wird, das auch mal Zischen ist und auch mal Tuscheln sogar. Und manche sagen auch Wispern dazu, aber das ist ja dasselbe.
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