impleage 0112574
- 0112574 -
Abriss
Gäbe es das Scheitern nicht, es gäbe Gott nicht.
Die Erfahrung des Scheiterns gibt es, seitdem der Mensch ein Bewusstsein dafür hat. Ohne die Fähigkeit eines planhaften Wunschdenkens ist ein Scheitern nicht möglich. Ein Tier kann nicht scheitern, denn es hat keine Wünsche und verfolgt keinen Plan. Das Gelingen und das Scheitern sind neben der Gewissheit des Daseins die grundlegendsten Erfahrungen des Menschen. Aus dem Gelingen entsteht die Allmacht und aus dem Scheitern die Ohnmacht. Das Grundelement menschlichen Seins aber ist die Ohnmacht, denn nur der Mensch weiß um seine Sterblichkeit. Nur er kann scheitern und nur er weiß, dass er um dieses letztendliche Scheitern (Tod) nicht herumkommt.
Dieses Alles ersetzt natürlich kein Leben. Aber man sollte sich darüber im Klaren sein, dass es ein Leben umschreibt. Weder ein Sinn noch ein Zweck lässt sich daraus ableiten. So auch keine Verhaltensweise noch eine bestimmte Gesellschaftsordnung, noch ein bestimmter Glaube. Zunächst nicht. Was an Offenbarungen in der Welt vorhanden ist, sind keine Offenbarungen, sondern Literatur. Hervorragende Literatur, aber eben nicht mehr als diese. Sie alle haben ihre letzten Illusionen und große Angst, dass sie ihnen jemand kaputt macht. Und das eben ist das Menschliche und zugleich banale, das jeder Haltung, auch dem Antisemitismus, zugrunde liegt. Ist es nicht augenfällig, wie viele Todeskandidaten in den USA plötzlich zu Gott finden! Gott ist Trost. Vielleicht sollte man Gott in Trost umbenennen: Ich glaube an Trost. Aber wenn man an Trost glaubt, dann muss es eben jemanden geben, der diesen spendet. Und schon ist man wieder bei der Annahme einer Person. Die Natur jedenfalls war schon seit jeher kein guter Trostspender. Spätestens mit Entwicklung der Sprache muss den Menschen mal aufgefallen sein, dass sie nicht spricht. Ein Blitz, ein Windstoß, eine Sonnenfinsternis, das wurden dann sehr schnell schon Zeichen. Dafür hat es aber etwas bedurft, nämlich der Annahme, dass hinter allem, das sich bewegt, ein Wille steht. Man könnte auch sagen: Als der Mensch erkannte, dass er es ist, der einen Fuß vor den anderen setzt, kam es auch zur Annahme, dass der Fluss es ist, der seine Strömung fließen lässt. Nichts anderes aber ist das, als dass damit die Natur vermenschlicht wird. Die Natur lässt sich aber nicht auf Dauer vermenschlichen; das leuchtet nicht ein, da das nicht offensichtlich ist. Und so wird das nicht offen zu Sehende zum Unsichtbaren, überirdischen. Und auch dieses wird nun vermenschlicht. Bis nun sogar der Gott auch noch Mensch wird (Christus). Aber auch das leuchtet irgendwann nicht mehr ein, da es nicht offensichtlich ist und so findet nun eine Umkehrung statt:
Nicht mehr die Natur wird menschlich gemacht, sondern der Mensch beginnt sich naturhaft zu machen. Gesucht wird nun nach der Natur in uns. Dabei spielt es keine Rolle, ob man zu einem Schamanen geht, der einem vermittelt, was man beispielsweise mit einem Baum oder einer Wolke gemeinsam habe; oder zu einem Naturwissenschaftler, der mithilfe moderner Analytik einen natürlichen Stoffwechsel in uns feststellt. Schließlich nun so weit schon, dass wir das Produkt unserer Gene seien, dieses Bauplans der Natur! Die Frage dabei aber, wie der Mensch auf die Idee kommt, die Natur um sich herum zu vermenschlichen bzw. dann später genau entgegengesetzt: Den Menschen nun zu naturisieren, bleibt völlig unbeantwortet. Folge aber dieser Naturisierung des Menschen wird sein die Barbarisierung der Zivilisation. Ebenso, wie es dem Menschen irgendwann nicht mehr einleuchtete, warum der Fluss einen Willen haben soll, wird es den Menschen der Zukunft nicht mehr einleuchten, dass ein Wesen, das bis da hin möglicherweise bereits synthetisch reproduzierbar sein wird, noch irgendeinen über die Produktionskosten hinausgehenden Wert besitzt. Nachdem die Natur entseelt war, wurde sie ausgebeutet. Wenn der Mensch entseelt sein wird, wird er ausgebeutet werden als Ressource. Die Tiere sind mittlerweile fast nur noch Ressource und die Nazis haben es beim Menschen (nebst Sklaverei bis heute) bereits vorgemacht. Erst kommt es zu einer Entseelung und dann wird ausgebeutet. Eine Rückbesinnung gibt es in diesem Strom nicht. Lediglich vielleicht die Einsicht, dass man an dem Ast sägt, auf dem man selber sitzt. Entweder ist die Natur beseelt und dann hat der Mensch auch eine; oder die Natur hat keine und der Mensch hat damit dann auch keine. Fakt ist aber, dass die Art und Weise des Naturverständnisses das Menschenbild generiert, so wie vor Urzeiten die Art und Weise des Menschenbildes das Naturverständnis generierte.

© Andrasch Migar (aus A30)

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