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"Man kommt nicht umhin Worte zu haben". (Mila Haugová, zitiert aus „Von den Knochen der Sanftheit“, Anja Utler)

Unaussprechliches Begreifen                                ©Hussam Naggar  
                                                                                                                                                                       
Ich erinnere mich gerade an meine Kindheit: Es war ein besonderer Sommer mit Ramsi, wir streichelten uns gegenseitig mit einer neuen Feinheit, spielend-lieb öffneten wir uns weich zueinander, kindliche braungebrannte Körper, Fingerbeeren mit Zärte, gleiten entlang, unbesehen näher,…, eine erklommene Spannung und ihrer Auflösung in einen überraschend empfundenen Zauber. Ich mag es Ramsi in meinen Erinnerungen zu hüten, ich mochte ihm Gleiches bereiten, weil es mich auch glücklich machte, wie er es behände an mir übte. Fiebernd. Gänsehaut. Geheimnisvolle Schriftrollen. Wir erkundeten unsere Sanftmut ohne Worte. Ich denke gerade an ihn und mir erscheint nach über vierzig Jahren eine präsente visuelle Erinnerung an Ramsi mit seinem dunkel-blonden Haar und seiner vollen Unterlippe. Von der Bewahrung der Schamhaftigkeit mag ich schreiben, die bereits durch einen zweifelnden, verrückenden Blick empfindlich gestört werden kann. „zeige deine Wunde“, ist ein Enviroment von Joseph Beuys aus den Jahren 1974/75 betitelt, dieses lässt mich hier verborgene, nun verletzte Schätze zu Tage fördern, vielleicht ist meine wunde Stelle noch zu retten – etwas von den sehr empfindungsschön erkundenden Spielen wieder zu beleben. Ich schäme mich nicht meine Referenz für den Schambegriff mitzuteilen – erschütterbar bleiben, – für manche eine verbale Übergriffigkeit in intime Bereiche, die sich nicht einfach sagen lässt und sich allgemein ausdrücken darf, sondern nur in einer gegenwärtigen Berührung verwirklichen kann, und von Berühren zu sprechen entzieht sich einer Begrifflichkeit. Ein zaghaftes Tasten, das niemanden findet. Hinwendung zu fein-gehauchten Lauten in einer Stille. Anteilnahme an meiner Scheu. Für ein Umschlungensein Zweier – keine Kongruenz. Die Lider geschlossen – Wünsche, Sehnsüchte,- Wörter, die für mich heute pelzig klingen. Taube Muskelstränge an den unteren Extremitäten, dazwischen ein lateinischer Begriff – den Körper zur Kenntnis genommen. Ich denke beim Schreiben an ein mitfühlend erschließendes Auflesen, das einem gewissen Denkhören unter die Haut gehen möchte und mag. Meine Mama ertappte uns bei der gegenseitigen Erkundung unserer Empfindsamkeiten und ich habe nur ihren einfallend hohen Blick vorbeischauend an meinem Zimmer in Erinnerung. Beobachten als Eingriff. Sichtbar bin ich verwundbar. Und jetzt, in meinen Erinnerungen an meine schöne Kindheit in Aleppo, an die nackten von Sonne verwöhnten Körper und die sanft Fühlungnahme tastenden Neuigkeiten, – sich entschlüsselt freudig erfahren, Kunde von Fingerbeeren, die mich ertasten, behutsam nähern sie sich einer Vervielfältigung, einer sich auffächernden Entfaltung, einer vervielfachten Erregung: ergriffen jenseits des Verstandes, und der lange Sommer, wir hatten einen Swimming-Pool und unsere großzügige Sonne wärmte so grundnatürlich, eine außerordentlich wertvolle Erinnerung. Tastend entzifferten wir was unter die Haut ging, und erquickend sich offenlegte. Eine Scham, die verletzt werden musste, um sich Ausdruck zu verschaffen. Ja, wir schmiegten uns auch aneinander – damals…. Scham, als Schutz des Zärte empfänglichen Seelehäutchens. Eine hinwendende Erprobung, der ich Sprache verleihe. Nun ein Grenzübertritt aus Not, der Spiegel einer Verstümmelung, die in ungewisse Richtungen tendiert. Von Ergriffenheit sich reckende Härchen, die wir uns einst streichelnd bereiteten. Haut an Haut - erhellende Vokale. Vom Zaubermantel, den ich mir wünsche, ein Ausdruck, der mich vereinzelt und schutzlos übrig lässt – entäußert, peinlich für Viele - man gibt sich kultiviert verlegen. Unverfroren, wie Kunst sein kann stelle ich mich meiner Wunde, auf die Gefahr hin auf ein rohes Unverständnis zu stoßen. Derart unmittelbar habe ich keine Angst mich sprachlich zu häuten. Schwäche offen legend ahne ich voraus, dass die Wirkmächte meiner Sprache nicht an eine einfache liebgemeinte Berührung heranreichen. Amputat. Momente vieler Varianten einer Nähe von Haut zu Haut, unendliche Punkte – feine Auslassungspunkte. Als hätte die uranfängliche Erfahrung mit dem lieben Freund meiner Kindheit eine grundsätzliche Bedeutung und Tiefe freigelegt, die einer Sprachlichkeit unzugänglich bleibt. Ich werde wieder Körperstreicheln lernen und fange still von vorne an. An eine Blindenschrift anknüpfen, die wir uns gebahnt haben. Es wagen in tief empfängliche Schichten Worte zu bergen. Dichte von Empfindsamkeiten zart ermessen. Wie ich meine Wörter unsicher wähle, suche ich nach etwas feinerem als Begriffe, was Lebewesen in Sinn bettet – dem Verstand nicht gemäß. Unzeitgemäß melde ich Bedürftigkeit an und wende mich an etwas unbekannt Eigentlichem. Verschollen in mir. Ein Gefüge außer sich. Irre lächelnd suche ich im Blick von Passanten einen mich sanft zähmenden Augenblick – in latenter Erwartung einer unbekannten Hautliebe. Als ein gemütsfreudiges Mitwesen mag ich beim Anblick von Krähen diese sogleich plastisch mit beiden Händen zu umgreifen – es bleibt bei dieser Vorstellung. Ein unabsichtlich abruptes Stocken des Zueinanderfindens, ein Bruch, der meinem Verstand entstammt, der befürchtet die Kontrolle zu verlieren. Als gelte es mich fortwährend zu inthronisieren. Keine verbindende Blüte in Aussicht. Eine erstarrte Knospe kann sich nur ausdrücken und weilt passiv unansprechbar. Ich glaube, dass ich für die vielen unberührbar Geltenden spreche, die sich nicht trauen sich zu Wort zu melden, weil ihnen das Urteil zufallen könnte bloß resignierend sich selbst zu bemitleiden. Erotisch mit Verstand ausgeführte Verführungskünste und damit insgeheim ein Versprechen suggerieren, dazu bin ich unfähig. Ein Verlassener sich in Gedanken vorwagender, eine Flaschenpost an eine Unbekannte. An die Hauteinsamen vielen Mitmenschen – ihrem Gefühl der Gefühllosigkeit beistehen. Einer für unwiderruflich gehaltene Not eine sanfte Fühlungnahme in Aussicht stellen. Den Mangel benennen, so uneinholbar er auch sein mag, an diese plötzlich neuen und Hautvervielfältigenden Sinneseindrücke gedenken, die ich mit meinem Streichelbruder einst erschlossen habe. Eine erfüllende warme Weite umhüllte unsere Zweisamkeit – meine lieben Stofftiere als Zeugen. An ein sprachloses stilles Zwischen-uns glauben, ein Schutzfilm, der durch Zärte milde überbrückt werden darf. Eine Annahme, die uns Kindern aufging, als wir ungefähr sechs Jahre alt waren, wir gruppierten unsere Stofftiere um uns. Meine Sehnsucht nährt sich aus einer lebendigen Erinnerung, eine offensichtliche Verblüffung über gleichgesinnte Empfindungen, die in fortwährende Berührungen mündeten und uns Glauben an einen taktilen Sinn schenkten. Unort Körper, fahl liegt dieser nun hier im Bett und findet Worte des Defizits, die als Hülle brach liegen. Ein stockender Bruch ist mir einprogrammiert. Mein Verstand ist ungläubig, Bitte um Geduld. Langsame Annäherung – behutsam mit einer fremden Narbe. Eine womöglich abstoßende Kontaktstelle, die sich nicht vorwagt, still lauert, jedoch an Mitberührung glaubt und dafür empfänglich ist. Erdulden, darben, den Körper ertragen, Haltungswechsel ausführen, Stolz auf Stelzen, standhafter Blick, unter null – Vorsicht bissig! Kurzmeldungen eines Erwachsenen. Eine intuitive Sequenz, Witterung meiner Sprachfühler, die auf ein begabtes Gemüt hoffen. In die Wege leiten. Sprachvergessen. Vertrauliche Berührungsbedeutung. Taste mich in eine Ungewissheit vor, etwas ängstlich gehemmt suche ich unbekannte Hautliebe. Ohne begehrenswert zu sein, lässt mein Anliegen Kalkül und Verstand hinter sich,- ich bleibe etwas traurig und still entfaltet.
X
26.03.2020 05:37
Wunderbar....
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